Infostandpsychologie IV

Es war hier bereits mehrfach unterschwellig Thema: Es gibt Menschen, die es uns regelrecht übel nehmen, dass wir uns politisch engagieren. Sie wissen nicht, was das soll, dass wir an neuen Ideen und Kurswechseln arbeiten. Sie halten dies für albern und schließen von der verschwendeten Zeit unserer Mitstreiter auf feindliche Handlungsmotive. Nach dem Motto ‚Wenn ihm das so wichtig ist, kann man kriminelle Energie nicht ausschließen.‘

Teilweise passen ihnen auch unsere Gesichter nicht, sie erscheinen ihnen schlicht suspekt. Als seien ihnen die sehr normalen Menschen, die jetzt mitmachen, nicht genehm und als wäre es eine Beleidigung ihres Wahlrechts, wenn man das Parteipersonal nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten gecastet hat.

Hinzu kommt der eitle Wunsch, es besser zu wissen. Da gibt es die Variante der Mitteilungsfreudigen, denen man im Gespräch zumindest zeigen kann, dass einem der Austausch etwas wert ist; und da gibt es die hässliche misstrauische Variante, die nicht will, dass Du recht hast, die pauschal gegen alles ist, wofür sich ein Mensch auf der Straße einsetzen könnte. Dieses Verhalten tritt meistens in Pärchen auf, wo einer von beiden vor dem anderen nicht eingestehen möchte, dass ein dahergelaufener Pirat ihm Wissen voraus hat, über das es sich lohnen könnte zu sprechen. Das darf nicht sein.

Und seien wir ehrlich: Die Leute sind es nicht gewohnt, dass ein Mensch ohne finanziellen Hintergedanken auf Gehwegen Flyer verteilt. Das freundliche Interesse an ihrer Person ist ihnen callcentersuspekt. Zudem verfolgen auch die Stände der Parteien nur einen perfiden Zweck so kurz vor der Wahl. traurig. Die Clubhaus-Parteien vom Hügel stellen den Plebejern im politischen Sumpf die fertigen Konzepte vor. wie gnädig. Für so etwas Arrogantes hätte ich als Passant dann auch keine Zeit. Wir Piraten stellen immerhin noch offen Fragen an diesen Staat und seine Handelnden und ermuntern jeden dazu, mitzudenken, egal ob er uns wählt und egal, ob er bei uns Mitglied ist und egal, ob er in einer anderen Partei sein Programm von der Spitze eines Berges auf zwei göttlichen Steintafeln empfangen hat. Wir wollen aktivieren.

Am meisten berührt mich persönlich am Infostand, wenn mir jemand mit gebrochenem Deutsch seine Aufmerksamkeit schenkt. Wenn so manch vor Jahrzehnten Zugezogener stehen bleibt und mir erzählt, wir seien die ersten in diesem Land, die ihm einen Flyer anvertrauen, die Blackys, die stehenbleiben und sich freuen, dass sie jemand ernst nimmt und sie tatsächlich nach ihrer Meinung in ihrer deutschen Heimat fragt, die Kopftuchmädchen, die sich für die Information bedanken und andeuten, dass sie bezüglich dieses Landes durchaus sehr politisch sind. Die Obdachlosen und Punks, die dann doch mal für ein Gespräch stehenbleiben. Wenn wir Piraten am Infostand sind, machen wir keine Unterschiede und nehmen jeden Menschen ernst.

Was müssen die alten Parteien für Arschlöcher gewesen sein, dass diese Menschen nun erst mit uns über Politik sprechen?

Natürlich kann meine Erzählung hier nur Anekdoten liefern und ist an keiner Stelle repräsentativ. Aber für ‚Beteiligung‘ steht das politische Establishment nicht. Zumindest glauben die Menschen* nicht mehr an den lohnenden Austausch mit der Politik. Ich halte diese Ansicht in vielen Fällen für durchaus plausibel.

*ausgenommen Verbände, NGOs und Einzelinteressensvertreter

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