Der SPIEGEL – eine Antwort auf rhetorische Fragen

tl;dr Dem Spiegel fehlt es an Format für die späte Moderne. Doch es interessiert dort nur kaum noch jemanden. scnr

Es gibt viele Möglichkeiten, einen Beitrag über ein komplexes Thema zu schreiben. 

Ein mögliches Vorgehen wäre die Hypothese, die am Anfang eines Textes steht und die durch Erörterung im Kontext von Erfahrungen und Fakten fair abgewogen wird. Ein kritisch geschulter Geist würde im Rahmen dieses Ansatzes gar die absolute Geltung der Aussagen verneinen, das mögliche eigene Unwissen in den Vordergrund stellen, den blinden Fleck der eigenen Fragestellung niemals verschweigen. So weiß ich z.B. nicht, wie eine Redaktionskonferenz beim Spiegel abläuft, etc. Vielleicht haben sie Gründe, die ich bisher nicht verstehe. Außerdem pflege ich die unbestätigte Vorannahme, dass beim Spiegel gedacht wird, Neugierde existiert und sie nicht nur plackern und unter Zeitdruck Artikel runterrotzen.

Ein weiteres, eher konträres, sehr ordinäres aber völlig legitimes Vorgehen wäre hier der Stream of Consciousness, das automatische Schreiben, eine bewusst subjektive Tour de Force durch ein Thema oder einen Sachverhalt. Diese Variante verrät dem Leser viel über die erlebte Wirklichkeit, die den Autor erreicht. Und lässt dabei den Vorbehalt eines persönlichen Eindrucks nicht außen vor, kommuniziert diesen offen. Ein sehr unobjektiver und ehrlicher Ansatz.

Im Netz hat sich zudem ein „scholastischer Stil“ etabliert. Die Plausibilität von Überlegungen wird durch Verweise und Kommentare anderer Texte gestärkt, die Intertextualität gerät zum Argument – oder zumindest zu einer Absicherung. Auch die Ursprünge unserer modernen Wissenschaft sahen in der Renaissance nicht anders aus. Texte ignorieren andere Texte nicht mehr, müssen sich zu diesen zumindest verhalten. Göttliche Wahrheit musste mit den Schriften der Antike kämpfen und verlor mit der Zeit seine „absolute“ Autorität. Zur Neugierde gehört hier die ehrliche Haltung, von der anderen Welt noch etwas lernen zu können. 

Wie diese zwei drei Ansätze zeigen: Ich persönlich bezweifele die Neutralität von Autoren grundsätzlich – auch die von Journalisten. Ich finde es deshalb mutig, wenn jemand eine Meinung vertritt, denn dies gehört zur hohen Verantwortung in privilegierten Positionen. Alles andere wäre seichte sowohl-als-auch-Verschwendung der wenigen großen politischen Sendeplätze in Deutschland. Ebenso finde ich es großartig, wenn der Spiegel nun auf Verlinkungen setzt und selbst externe Quellen gelten lässt – diese Kultur wurde bei den Online-Ablegern der Verlage ja erst vor kurzer Zeit neu eingeführt.

Ein zwei Einwände habe ich jedoch, die mit meinen Überlegungen zum Stil zusammenhängen, liebe Zeitung mit sieben Buchstaben.

In Spiegel-Artikeln steht das Urteil vom ersten Satz an fest. Es wird als Tatsachenbehauptung zudem in Headlines gegossen – Ich erinnere nur an das unsägliche „Sexismus in der Piratenpartei“. Seit Jahrzehnten verspüre ich in den Beiträgen des Spiegels nur noch diese Tendenziösität, die bei mir das ungute Gefühl hinterlässt, der jeweilige Meinende sei nie wirklich auf der Suche gewesen, habe lediglich Bestätigung für absolute Statements gesucht, die er vielleicht in der Redaktionskonferenz versprochen hat. Da sträuben sich mir als Wissenschaftler regelmäßig die Haare. Nochmals: Ich habe kein Problem mit der Reihenfolge ‚Erst meinen, dann fragen‘, denn ohne einen Ausgangspunkt könnte kein Forscher sich vorwärts bewegen; doch Form und Stil triefen im Spiegel vor Selffulfilling Prophecies. Ist dies tatsächlich der einzige Anspruch der dort Recherchierenden oder nur ein unglückliches, stilistisches Missverständnis? Mögliche Alternativen wurden hier angedeutet.

„Es interessiert nur kaum noch jemanden.“ – Annett Meiritz über die Piraten

Diese traurige Spiegel-Tradition mag mit ihrer polternden, möchtegern-kritischen Unerbittlichkeit die Atmosphäre der 70er Jahre, vielleicht sogar nostalgisch die Aura der Frankfurter Schule und der damaligen Intellektuellen aufrufen; sie bleibt in ihrer Geste gegen schlichte Menschen, die sich endlich politisch für ihre Gesellschaft engagieren wollen, eine irritierende Groteske. Ein komischer bürgerlicher Reflex im Gewand des ‚Qualitätsjournalismus‘.

Die eigene Rolle in der Gesellschaft wird von den Medienschaffenden – wie man an dem obigen Meiritz-Zitat schön erkennen kann – selten reflektiert. Auch wenn dies vielleicht nur meine Wahrnehmung ist, muss ich vermuten, dass Journalisten weiter an sich als neutrale Beobachter, als frei Außenstehende glauben. In unserer mediatisierten Gesellschaft eine weltfremde Haltung, denn sie sind immer Handelnde – ob sie wollen oder nicht.

Wer sein Studium also völlig ohne Selbstreflektion überstanden hat und in den Redaktionen kritische Begleiter vergebens suchen muss, dem hilft am Ende auch nicht, in Artikeln voll „modern“ und angeblich kenntnisreich weiterführende Links zu setzen. Diese Maßnahme erhöht wohl die Qualität der Search Engine Optimization, nicht aber die Qualität einer üblen Kaskade rhetorischer Fragen, deren Antwort die Autoren längst kennen wollten. Das bleibt schlechter Stil; und doch eher vormodern.

Das gute Recht des Spiegels.

PS.: / Die Formulierung ‚Der Spiegel‘ ist natürlich zu pauschal. Da es „nur kaum noch jemanden interessiert“, was ein Basispirat außerhalb Berlins tut und macht, wurde es hier billigend in Kauf genommen.

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