Lebensgefühl Netzelite

Statt „Netzelite!“ hätte ich auch „Penis“ schreiben können, denn genauso abgelutscht ist auf Twitter die Behauptung einer Oberschicht, die sich Bälle zuspielt, den Markt unter sich aufteilt und zudem noch ein lukratives Favstar-Kartell betreibt. Skandal! Die Belustigung ist jeweils groß, besonders von den angeblichen Günstlingen einer Aufmerksamkeitsmafia. Zudem kommen die Beschwerden meist von Menschen, die offiziell völlig “irrelevant” sind. Mir persönlich ist es noch nicht passiert, dass ich die da oben oder die da unten anprangere. Die reine Feststellung, dass Netzwerke endlich und gerade nicht beliebig offen und ewig additiv sind, ist so trivial, dass sie für einige Twitterer offensichtlich nicht mehr nüchtern zu kommentieren ist.

Über Twitter könnte ich aus Gründen Romane schreiben. Es bleibt ein offenes Medium, dass allein durch soziales Verhalten limitiert wird. Man beobachtet dort die gleichen Character Changes everyday. Eine der üblichen Aktionismen ist z.B. die ungeschriebene 300er-Regel. Ich weiß nicht, ob ratgebende Frauenzeitschriften mal Studien zur angemessenen Zahl sozialer Kontakte kolportiert haben oder ob der Playboy behauptet, so viele Nummern solle man in seinem Telefonbuch pflegen: Aber ab einer gewissen Account-Größe fangen die Twitterer an, zu putzen und im Rahmen dieser Profil-Hygiene ihre Kontakte auf um die 300 Menschen zu reduzieren. Ich beobachte dieses interessante Phänomen weiter.

Wir selbst machen Twitter also bewusst zu einem asymmetrischem Medium. Vielleicht um cool und relevant zu wirken, da uns mehr Menschen folgen als uns interessieren, vielleicht, weil wir auf kuschelige Clubs stehen. Ich nenne es das “Lebensgefühl Netzelite” – wobei ‘Netz’ eher durch ‘Reichweite-Relevanz‘-Elite ersetzt werden müsste.

Zu diesem Lebensgefühl gehört die Annahme, aus gutem Grund dort zu sein, wo man ist – auch Intelligenz ist ja kein Zufall und führt zu hohen Positionen in unserer Gesellschaft. Die Erfahrung des eigenen Aufstiegs wird zudem für reproduzierbar gehalten. Auch die Idee, dass alles – was wichtig ist – das Hirn dieser scheinbar perfekt vernetzten Lebensgefühl-Victims erreicht, es keine Relevanz außerhalb der eigenen Sinne geben kann, wird sehr gerne gelebt: Wenn etwas relevant ist, erreicht es mich schon. Das “Lebensgefühl Netzelite” bedeutet bürgerlich satte Zufriedenheit und äußert sich in seinem adeligen Stadium durch Verachtung gegen all die Emporkömmlinge, die glauben, es gäbe einen stabilen Status Quo, eine gläserne Decke im Netz, die aber nicht mal 1.000 Follower vorweisen können oder regelmäßig Republica-Tickets erwerben. Und sie haben recht: Die „Netzelite“ ist ein Hirngespinst; aber ausgesorgte Selbstgefälligkeit unter Early Adoptern ist leider keine Seltenheit.

Es gibt in unserer Wahrnehmung schlicht Kapazitätsgrenzen und das Filtern ist oft hilfreich. Doch wer die Neugierde verliert, wer glaubt, bereits alles zu kennen und im Underground nur irrelevantes vermutet, ist schlicht alt. Und besitzt das Charisma eines abgehobenen Spießers.

Ja, auch die Netizens und Digital Natives werden zu alten Säcken. Sie halten sich mit dem beschriebenen „Lebensgefühl Netzelite“ noch so gerade über Wasser.

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