Fulfilling their prophecies

Der Fernseher läuft noch und ich wache auf dem Sofa auf. Für journalistischen Konsum am Computer hatte die Konzentration nicht mehr gereicht und bereits die ersten Minuten vor der Glotze brachten erholsamen Schlaf für meinen Kopf und meine schweren Lider. Unsere Wahlkampfkundgebung über dem Hafen ist genau eine Woche her, ich komme vom ersten Tag Infostand auf dem Uhlenfest, Morgen werden es wohl keine 11 Stunden wie heute. Unter der Woche war ich zur Abwechslung 3 Tage nicht mit den Piraten beschäftigt: Ein kleines Geburtstagsgeschenk an meine Freundin und bitter nötig. Ich erzähle dies nicht ohne Grund, denn für das Verständnis dieses Beitrags ist dieser Kontext durchaus wichtig. Es ist Wahlkampf und jeder Pirat muss ‚your fulfilling prophecy’ spielen. Die deutsche Öffentlichkeit – ob auf der Straße oder in den Redaktionen – will, dass wir Parteimenschen nun Götter sind.

Dies gilt im Besonderen für neue Parteien. Während es für die Altparteien ausreicht, zwei drei Spitzenpolitiker vor die Kamera zu hieven, sind die Deutschen besonders gegenüber Newcomern reserviert bis feindselig. Sie verlangen Vorleistung, die konsistenter ist als jedes Parteiprogramm-Bla Bla der Altparteien, Auftritte, die vor ihren Augen am Infostand einen tanzenden Stern gebären, die Welt in philosophischem Gestus neu erfinden. Unter dem Niveau ‚Weltformel’ gibt es für viele Wähler auf der Straße keinen Gesprächsbedarf. Auch in finanzieller Hinsicht wird man an den Etablierten gemessen. Es wird Professionalisierung, es werden Strukturen und Arbeitskraft vorausgesetzt, die eine Partei voller unbezahlter Menschen vorab aufbringen muss, bevor man ihr zuhört und ihr auch nur eine kleine Chance gibt. Die Servicewüste Deutschland ist in Fragen der Politik überraschend gnadenlos.

Während die Frage nach dem Vollprogramm für Piraten kein Problem mehr darstellt, so müssen wir doch den Wahlkampf neben dem Erwerbsleben auf die Beine stellen, und – um ein Beispiel von vielen zu bringen – unsere Plakate noch selber stellen, während andere Parteien schlicht ihr Scheckbuch zücken und mit Berufspolitikern und Angestellten einen Fundus haben, den keine Spende jemals ausgleichen könnte. All die Arbeit – auch in Richtung Medien und Öffentlichkeitsarbeit – wird bei Newcomern in Deutschland vorausgesetzt und die Kritik an fehlender Selbstausbeutung wird auf der Straße und an Infoständen immer wieder hart und unerbittlich vorgetragen. Warum habt ihr nicht dies und das gemacht, warum stellt ihr nicht mal folgendes auf die Beine – wir ehrenamtlichen politischen Menschen werden als Dienstleister beschimpft und die ausgebliebene Weltrevolution ist in Gesprächen regelmäßig unsere Schuld.

In diesem Klima verrichten wir unsere Arbeit und diese Situation erklärt vielleicht auch unser Hadern mit den Medien und ihrer Berichterstattung. Es gäbe so viele Geschichten in dieser Partei zu erzählen, von engagierten Menschen, die in diesem Land etwas verändern wollen und buchtsäblich ihr Leben / ihre komplette Freizeit dafür opfern. Wir sind eine sehr offene Partei, die jedem Zugang ermöglicht und endlich wieder Demokratie für dieses Land will. Doch von der veröffentlichten Meinung tropft oft nur Zynik auf uns herab. Wir müssen hier echt aufpassen, dass diese Welt konstruktiv bleibt und all die pauschale Kritik an neuem Engagement und Polit-Anfängern keine self-fulfilling Prophecy wird. Hier fehlt Journalismus gelegentlich die Weisheit und ein gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein. Auch deshalb stehen wir weiter auf der Straße und räumen die Scherben auf. Ich komme als Kulturwissenschaftler inzwischen zu dem Schluss:

Politikverdrossenheit ist ein Diskurs, der in unseren Öffentlichkeiten täglich reproduziert wird.

Und manchmal fragt man sich frei nach Michel Foucault, wie viel Absicht der bestehenden Machtverhältnisse dahinter wirkt. Ich weiß, dies ist eine unangenehme Frage.

Meine intellektuelle Dienstleistung für heute Nacht. Morgen wieder ehrliche Arbeit am Infostand. Kein Journalist wird diesen Beitrag jemals lesen oder gar verstehen: Bin ja nur ein Blogger. Aber immerhin hatten wir gestern den ganzen Tag über einen Journalisten am Infostand. Bin gespannt, welches Fazit er von unserer Arbeit zieht. Meinen Respekt für sein Durchhaltevermögen hat er.

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2 Gedanken zu „Fulfilling their prophecies

  1. Die Geschichte wird jetzt geschrieben. Die Karten liegen auf dem Tisch, jeder kann sie sich ansehen. Und jeder wird irgendwann in den Spiegel sehen müssen und vor sich selbst rechtfertigen müssen, warum er in dieser Phase der Geschichte auf die eine oder andere Weise gehandelt hat.

    Wir befinden uns bereits in einer Revolution. Es geht jetzt darum, individuell und gemeinsam die Fesseln abzuschütteln, die uns eine menschenfeindliche tyrannische Herrscherklasse auferlegt hat. Es geht um unsere Freiheit, um unsere Würde und um die Zukunft der Menschheit.
    http://campogeno.wordpress.com/2013/08/18/wir-befinden-uns-bereits-in-einer-revolution/

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