Ein lockerleichter Rant

Es ist Freitag Abend und zwischen mir und der Bundestagswahl liegen ein Wochenende, ein Urlaub und sehr viel Bier, Wein sowie selbstgekochte französische Mehrgängemenüs. Nun sitze ich wieder am Schreibtisch und denke über die Piraten nach. Ohne Zwang, ohne Verbitterung, durch den Exzess gelöst von der deutschen Wirklichkeit, die ich im Wahlkampf hautnah zu spüren bekam, die als inverser Saunagang mir den Schweiß in die Poren drückte. Das ernüchternde Ergebnis wurde bei mir also trotzig mit einer Bierdusche begossen. Ich bin in den letzten 7 Tagen öfter Baden gegangen als der pseudo-heroische Wähler an diesem traurigen 22. September 2013 und die Piratenpartei zusammen.

Ach Deutschland, Du piefiges fettes Bürgerturm, Du hättest mit uns Piraten im Bundestag einen zusätzlichen Gang auf Deine tägliche Speisekarte setzen können, etwas gewagtes Amuse Gueule für das tote politische System ohne Haute Cuisine und Handlungsphantasie. Du hättest Deine provokante Selbstgefälligkeit durch ein Ornament des Aufstandes im politischen Spektrum amüsanter ausschmücken können, die Aufregung in der Manege wäre Dir gewiss gewesen. Du hättest Dir in Deiner Dekadenz Feinde züchten können, Deutschland, die Du belustigt wegwischt, wie Spinner aus einer anderen Computer Bild, wie weltfremde Asoziale, wie idealistische Visionäre, die beim Arzt kommen, weil der Mann beim Stammtisch sitzt und lieber dumme Witze über Frauen macht. Es gäbe durch diese Hassliebe endlich wieder Spannung, Erotik gar in der Bundespolitik, die Dir, Deutschland, Höchstleistungen im Bett der konkurrierenden Ideen abverlangt hätte, die Dich an den Rand der Politikverdrossenheit gedrängt hätte, aus dieser Auseinandersetzung hätten Geschmack, Kennerschaft und Meinung zum Menü der Vorschläge als neue bürgerliche Tugenden erwachsen können. Ja ja, Deutschland, ich weiß: Wer Konjunktiv hat, sollte zum Arzt gehen. Doch leider sitzt der Status Quo dort bereits im Wartezimmer; er ist zudem Privatpatient.

Es ist jedoch nicht nur Dein mangelndes Selbstvertrauen, das Dich das Merkel wählen ließ, ohne der Herausforderung als Zutat eine Chance zu geben. Es ist zudem der deutsche und journalistische Glaube an den Ausbildungsberuf Politiker. Der Glaube, dass eine Armee aus Laien gut vernetzt einen Spitzenpolitiker wie Dingsbums qualitativ um ein Vielfaches ersetzen könnte, widerstrebt jedem bürgerlichen Stolz eines zu recht privilegierten Lenkers der Geschicke dieses Landes. Es ist kein Wunder, dass alle dominanten Medien dieses Landes von ihrer Struktur her lineare Medien sind. Fernsehen, Zeitung, Radio: Sie alle zelebrieren das Hintereinander ihres Informationsflusses, das Singuläre ihres Verkündens, das One-Point-to-Many-Prinzip, die Gatekeeper-Filter-Service-Philosophie und machen aus dem Nebeneinander und dem Chaos dieser Welt wieder eine konsistente, lineare Geschichte. Eine verteilte Kommunikation, die schwärmend durch die Netze flieht und an Lösungen arbeitet, ist in diesen alten Medienformen schlicht nicht darstellbar. Es widerspricht jeglichem Zentralismus, eine verteilte, ephemere und work-in-progress-Diskussion darstellen zu müssen. Wer hält denn dort die Fäden in der Hand? Wer sorgt denn dort für Ordnung? Wer ist der Repräsentant der Sanktion, der Repression in diesen unheimlichen Gebilden ohne Grenzen? Wo ist die Macht, an der man sich noch verlässlich orientieren kann? Jeder verantwortliche Medienmacher müsste sein eigenes Dasein im angeblich überlegenen Bildungsbürgertum überdenken, würde er hier nicht gegenhalten und bei jeder Gelegenheit fleißig und pauschal ‚Unprofessionalität‘ anprangern. Ja ja, Deutschland, ich weiß, ich darf vom Qualitätsjournalismus nur Handwerk und keine Intellektualität verlangen; aber für ein akademisches Studium spricht diese mangelnde Selbstreflexion nicht, eher für eine Ausbildung mit etwas Sprachkurs.

Doch dieses ‚Vertrauen‘ bzw. ‚Unvertrauen‘ ist tatsächlich ein ernsthaftes Problem für meine Partei und die vielen vormals unpolitischen Menschen, die sich nochmals aufgerafft haben, um den angeblichen Profipolitikern, die dort oben mit Wirtschaft und Lobbyisten Geld zusammenraffen, etwas entgegen zu setzen. Es mag sein, dass wir die oben genannten politischen Feiglinge niemals erreichen werden; aber dass sich intellektuelle Menschen wie Julie Zeh in Fernsehsendungen setzen und die FDP als liberale Kraft hochloben, das muss uns ein Warnschuss sein. Auch so einige Netzgrößen driften mit ihren herrschaftlichen Forderungen ins Bürgerliche ab, obwohl sie die verteilte Crowd und die netzige Problemlösung kennen müssten und mit ihrem diskursiven Einfluss konstruktiv gestalten könnten. Hier bricht vieles, was sich früher mal zu recht für klug hielt, weg aus dem modernen Verve und Fundus unserer Partei. Diese Schwäche und geistigen Schwächlinge können wir uns auf Dauer nicht leisten. Wir brauchen Debattenträger, die sich nicht von allen Aktivisten distanzieren, nur weil diese zufällig Piraten sind.

Ach Deutschland, Du piefige satte Netzgemeinde, Deine Denker lecken mit jeder weiteren Zynik das Blut des Bürgertums; und halten sich für Revolutionäre. Was für ekelige Hipster.

Ich plane schon mal den nächsten Urlaub und erzähle dann erneut von verdienter Dekadenz nach getaner Arbeit als Pirat, während ihr weiter auf ein Interview mit Mutti hofft. Spannend.

Viel Spaß in eurer Ödnis.

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