Das defensive Dilemma der Altpiraten

Ich mache heute mal das mit der Redundanz. Nicht im Rahmen dieses Blogs aber das Thema an sich ist zeitlos: Niemand betritt mehr Neuland, wenn er frisch zu den Piraten stößt. Wir stoßen alle nur noch dazu.

Manche wähnen sich natürlich trotzdem als Pioniere. Man kennt dieses Szenario von Stammtischen oder Gesprächen auf der Straße, wenn erneut jemand mit Elan eine simple Lösung für unsere Partei vorträgt, obwohl der Pirat vor ihm sicherlich nicht einfältig ist und vermutlich etwas häufiger als der spontane Stürmer und Dränger über diese Partei nachgedacht hat, in der er recht offensichtlich Mitglied ist.

Hier die Balance zu halten, zwischen der eigenen beleidigten Intelligenz und der Ermunterung des Neulings, sich in Zukunft bei uns zu engagieren, ist eine hohe Kunst. Denn wer hier in Selbstverteidigung verfällt, hat rhetorisch längst verloren: Niemand will von einem Vertreter der Mitmachpartei hören, dass die Dinge nunmal ihre Gründe haben und man bereits alles versucht hat. So kann man niemanden für uns begeistern.

Auch das auf die Medien Schimpfen überwindet diese Haltung nicht. Unsere Partei steuert in ein defensives Dilemma. So wird man keinen Aufbruch gestalten.

Und dies ist besonders tragisch, wenn einzelne engagierte Menschen zu uns stoßen, denn sie kennen die alten Geschichten nicht, sie kennen die alten Kämpfe nicht und sie wollen einfach nur loslegen. Doch die Altvorderen türmen historische Probleme auf, betonen die Redundanz der vorgetragenen Idee, halten allzeit gültige Anekdoten gescheiterter Anläufe schützend vor sich. Manche werden dies beschönigend „Erfahrung“ nennen; für jede Initiative neu eingetroffener Piraten ist dies der Tod. Und oft das Ende jeglicher Zusammenarbeit.

Die moderne Piratenpartei weiß also selbst manchmal nicht, wie sie mit Wandel umgehen soll. In Hamburg hat sich der Kreis der Aktiven z.B. stark verändert und durch Wegfall vieler alter Recken auch verkleinert. Gleichzeitig waren einige noch im Begriff, das vermeintlich Chaotische der alten Truppe einzudämmen, Kontrolle in den Laden zu bringen und sich zu professionalisieren, obwohl die Gründe für dieses Verhalten längst verschwunden waren. Wir sind 2013 sogar wieder 2%-Partei und die Akribie, sich in allen Details staatstragend zu geben, wird uns niemals retten. Im Gegenteil: Es hat viele gebremst und entmotiviert, die mit dieser einst als unkompliziert wahrgenommenen Partei etwas auf die Beine stellen wollten. Dass in Hamburg der Fokus auf Aktivierung, Ermunterung und Leinen los* hätte liegen müssen, dafür fehlte vielen die Einsicht. Wie viel Kraft und Hartnäckigkeit es bedurfte, das Thema Willkommenskultur und die Integration neugieriger Baldpiraten auf unseren Treffen im Gespräch zu halten, hat mich fast verzweifeln lassen. Ich weiß nicht, ob es der Luxus der alten Hype-Jahre war, der sie verwirrt hat, oder die ewig paranoide Sorge, dass jeder neue Gast ein weiterer Troll und Endgegner sein könnte: Selbst Piraten, die ich für ihre sonstige Arbeit sehr schätze, fehlt hier bis heute der soziale Grips.

Wie gehen wir also in Zukunft damit um, dass wir nicht der alte verschworene Haufen von damals sind, sondern die neuen Schultern fast wichtiger als die alten?

Natürlich als Menschen vor Ort; und indem wir die Partei auch sozial und nicht nur infrastrukturell als Beteiligungsermöglicher sehen. Denn wenn wir nicht mal die Kompetenz besitzen, denjenigen das Mitmachen anzubieten und niederschwellig Zugang zu organisieren, die mit uns physisch in einem Raum sind, werden auch alle Systeme, die wir jemals zu diesem Zweck bauen, Crap sein. Nicht weil deren Konstruktion oder Funktionalität fehlerhaft wäre, sondern schlicht weil es niemanden mehr gibt, der ihre Philosophie nach außen vertritt.

Es ist also eine sehr politische Frage, welche Kultur man in seinem Verband pflegt; und auch eine pragmatische, wenn man möchte, dass die Piratenpartei neue Menschen für die ehrenamtliche politische Arbeit gewinnt.

Wer glaubt, dies sei eine Lappalie, der ist bald allein.

*Eine nautische Metapher pro Text ist gerade noch im Rahmen, oder?

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