Angst vs. Vertrauen

Ich mag es eigentlich nicht, die Bildungskeule zu schwingen, aber es gibt viele lehrreiche Parallelen in der Geschichte, die sich für einen Vergleich immer anbieten. Selbst die höchste Ebene – wie z.B. das Völkerrecht oder wie es im englischen unverfänglicher heißt: International Law – enthält hier Aussagen über die niedrigste Ebene – wie z.B. das Trollen an sich. Schließt man vom Allgemeinen bzw. von diesbezüglichen Hypothesen auf das Konkrete, so nennt sich dieses Vorgehen ‚deduktiv‘. Folgert man vom konkreten Phänomen auf eine größere Theorie, so spricht man von einem ‚induktiven‘ Vorgehen. Beide Ansätze haben ihre eigene Art Erkenntnisgewinn.

Meine eigene Grundannahme – und diese sollte man immer transparent machen – ist, dass die Zusammenarbeit von Menschen auf Vertrauen aber auch Berechnung besteht. Der Fokus auf das gegenseitige Vertrauen ist hierbei die klassische ‚idealistische‘ Position, die Berechnung persönlicher Vorteile die klassische ‚realistische‘ Position. Der Idealismus in der Politikwissenschaft glaubt an den Aufbau von Institutionen und Normen als Strategie, um Eskalationen zu vermeiden und Gegenseitigkeit aufzubauen. Der Realismus sieht allein die eigene Macht-Akkumulation bzw. die Schwächung anderer als Sicherheitsstrategie in einer anarchischen Welt ohne menschlichen Skrupel. Beiden Strömungen liegt ein eigenes Menschenbild zugrunde. Beide Grundannahmen haben Berührungspunkte in der Annahme, dass es win-win-Situationen geben kann, die Kooperationen sinnvoll machen. Zum Glück.

Die win-win-Situation in einer Partei sind die gemeinsamen Ziele, für manche realistischer denkende Menschen vielleicht auch ihre eigene Karriere im politischen System, ihr persönlicher Gewinn eines gesellschaftlichen Einflusses, oder das Prestige innerhalb einer örtlichen Gruppe. Für die idealistische Haltung ist es der Glaube an Kooperation, an den Aufbau von gemeinsamen Idealen, die uns vereinen und weiterbringen können. Durch die gemeinsame Arbeit an Normen und Programmen wird die parteiinterne Anarchie befriedet, gegenseitiges Vertrauen aufgebaut und das Wachsen der Gemeinschaft ist im gemeinsamen Interesse.

Das zum deduktiven Teil, kommen wir nun zum konkreten. Vertrauen aufzubauen ist langwieriger und aufwändiger, als es zu zerstören. Zwar besitzt auch eine Partei juristische Verregelungen und Institutionen, jedoch basieren diese oft auf Sprechakten à la Austin und symbolischen Feststellungen, wie z.B. dem „Verweis“ oder der „Verwarnung“ in den fünf Stufen unserer Ordnungsmaßnahmen. In diesem quasi kommunikativen Geschehen ist es also die Autorität der Sprechenden, die die Gültigkeit für alle Beteiligten manifestiert – wie auch ein internationaler Gerichtshof die Akzeptanz und die freiwillige Anerkennung der einzelnen Staaten benötigt. Diese Autorität wird in Hamburg seit Ende letzten Jahres massiv untergraben. Die diesbezüglichen Taktiken und Strategien führe ich hier nun auf. Die Lösung für dieses Problem werde ich nicht erläutern, da sie performativer ist als ein Rezept. Ich beginne hier nun unlogischerweise mit dem ‚Stil‘ und komme dann über das ‚Handwerk‘ der Vertrauen zerstörenden Kommunikation auf allgemeine ‚Strategien‘ der Entwertung bzw. Erniedrigung zu sprechen.

Stil

Der Stil, den man in Hamburg bei der Diskreditierung der Institutionen Schiedsgericht und Vorstand derzeit beobachten kann, schwankt zwischen scheinbar defensiv und definitiv offensiv.

Da sind besonders im Umgang mit Äußerungen der gewählten Vertreter die Complaints about asymetric communication. Offener Kritik an Institutionen, dürfe nach Ansicht der Beschwerdeführer durch die Kritisierten nicht an gleicher Stelle begegnet werden, da dies zu jeder Zeit eine Einschüchterung darstelle. Es findet also eine paradoxe Aufwertung der Menschen statt, die an gleicher Stelle offen abgewertet werden.

Ein weiteres Vorgehen ist offenes oder verstecktes Bullying an physischen oder virtuellen Orten, um mit Erniedrigungen oder Disrespekt handelnde Menschen zu verunsichern. Hierbei wird sich meistens eine Person herausgepickt, die man für die Schwächste unter den gewählten Vertretern hält, aber auch Überzahlsituationen werden für Seitenhiebe schamlos genutzt. Auch martialische Drohungen, die von „Blutbädern“ und endgültigen Abrechnungen sprechen und Erpressungen, die Schubladen voll Kompromat andeuten, die man zum Schaden der Person veröffentlichen werde, gehören zu diesem Stil.

Hinzu kommt der Stil Trashtalk, der auf Argumente oder geäußerte Ansichten der Personen in Verantwortung nicht eingeht, sondern sich auf absurde Details konzentriert oder gar nur einzelne Wörter heraussucht, um diese off-topic zu einem Problem hochzureden. Eine Lösung oder Klärung eines Problems ist also nie das Ergebnis einer Auseinandersetzung, sondern nur zusätzliche Beleidigungen und weitere Vorwürfe, die gelegentlich paradoxerweise den Stil des Gegenübers betreffen.

Im Großen und Ganzen ist der Stil also provokativ und erklärt die Reaktion der Betroffenen schnell zur eigentlichen Provokation. Dieses Spiel beobachten wir nun seit Monaten. Es sollen hiermit alle Orte zerstört werden, an denen Vertrauen in dieser Partei kommunikativ aufgebaut werden kann.

Handwerk

Auch wenn der Kommunikationsstil mit seinen Haltungen bereits ein gewisses Vorgehen beschreibt, so gibt es zudem konkrete, wiederkehrende Mittel, die zur Anwendung kommen.

Standard ist das Fraudulent Concealment, mit dem proaktiv Halbwahrheiten veröffentlicht werden. Vorgänge und Geschehen werden hierbei meist ohne Zusammenhänge oder Vorgeschichte dargestellt. So werden Ordnungsmaßnahmen zu Attacken, obwohl sie selbst Attacken anderer behandeln, oder Zivilcourage bei Mobbing gegen einzelne wird anklagend zu einer fehlenden Willkommenskultur umgedeutet. Wichtig beim ‚fraudulent concealment‘ ist die Erstveröffentlichung, um die Richtigstellung im oben beschriebenen Stil abermals in eine Anmaßung und Basisbeschimpfung umzudeuten.

Da leider nicht jede Äußerung eines Vorstandsmitgliedes oder eines Richters beim Schiedsgericht vermeintliche Provokationen enthält, sondern oft deeskalierend gemeint ist, ist ein wichtiges Handwerkszeug das Snipping. Hierbei werden bei Antworten alle positiven, beruhigenden und gelassenen Teile gelöscht und in Mail-Threads nur noch die Ausschnitte weiter getragen, die man negativ ausdeuten kann. Alles eingebettet in den Stil des Bullying, Trashtalk und einem Complaint about asymetric communication.

Da nicht alles unwidersprochen bleibt und sich durchaus auch andere zu den Vorwürfen klärend äußern, gehört der Flamewar zum allgemeinen Handwerk dazu. Hierbei geht es darum, jede Konversation durch schlichte Sturheit und Quantität der Antworten zu einem letzten Wort zu bringen, bis das Gegenüber entnervt aufgibt. Die Kosten für eine Auseinandersetzung werden hoch getrieben, bis alles schweigt.

Es gibt noch mehr Techniken, die ich hier aber nicht alle nennen werde. Dass die Rhetorik nicht zur Wahrheitsfindung taugt, wusste schon Cicero und die Sophisten praktizierten dies Erkenntnis sowieso. Die obigen Techniken sind hierbei eine Auswahl von vorsätzlichen Täuschungen für ein beiläufiges Publikum und zerstören das Vertrauen in die Menschen, die Kompetenz und die Institutionen dieser Partei zunehmend.

Strategien

Während der Stil hier eher die Haltungen beschrieb und das Handwerk die Taktiken in konkreten Kommunikationen, so erkennt man auch allgemeinere Strategien. Der Flamewar und die Dauerpenetranz durch neue Anschuldigungen ist definitiv die Strategie Filibuster, auf deutsch: der Ermüdungsrede. Die Personen in Ämtern sind durchaus für die Partei beschäftigt und tun diese Tätigkeit neben ihrem Broterwerb. Der Preis für eine Auseinandersetzung soll durch die Sabotage gelingender Kommunikation hoch getrieben werden, um weitere klärende Maßnahmen zu verhindern. Der Reichtum an Freizeit führt hier analog zum zivil- oder strafrechtlichen Prozesskostenrisiko zu einem Ungleichgewicht, das ausgenutzt wird. So werden weitere persönliche Angriffe inflationär in Kauf genommen, um das Vertrauen in und die Funktionsfähigkeit des ehrenamtlichen Institutionengefüges weiter zu schädigen.

Hinzu kommen Strategien des Derailing, bei denen von dem Grund der Auseinandersetzung abgelenkt wird. Das Fehlverhalten, das Ursache einer klärenden Auseinandersetzung in den Partei-Institutionen war, wird übergangen und es werden Täter zu Opfern und Opfer von Attacken werden zum Teil über Victim Blaming persönlich verantwortlich für die verbalen und tätlichen Übergriffe gemacht. Dass sie den Mut besaßen, sich vertrauensvoll an die Institutionen zu wenden, wird über Leaks konterkariert, sie werden an den öffentlichen Pranger gestellt, als seien sie schuld an der ursprünglichen Konfrontation, zumindest jedoch werden sie doppelt belastet und nachträglich bestraft. Beide Strategien, sollten sie vorkommen, sind eine direkte Missachtung des Schiedsgerichts, das die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten Personen wahren muss. Es kann dem Derailing nichts Konkretes entgegnen, da es sich zum Inhalt von Ordnungsmaßnahmen nicht äußern darf und die Institutionen werden durch Fraudulent Concealment fortgehend demontiert.

Eine weitere Strategie ist das Abspalten von Vermittlern. Der Wunsch nach Vermittlung zwischen den angeblichen Streitparteien ist groß in einer Partei so voller großartiger, konstruktiver Menschen. Statt solche Handreichungen jedoch als Brücke zu nutzen, wird jede vermittelnde Position schnell als bestätigtes Misstrauen an den gewählten Personen vereinnahmt. Jeder Beitrag von fragenden und bisher nur zuschauenden Außenstehenden wird als Munition missbraucht, denn erneuertes Vertrauen würde auch das alte Normengerüst wieder inkraft setzen, das einer oben beschriebenen ‚realistischen‘ Position die Basis entzieht, denn eine mögliche win-win-Situation würde das bisherige Vorgehen im Nachhinein als völlig irrational dastehen lassen. Es folgt nach immer gleichem Schema eine erhöhte Aufmerksamkeit für die jeweiligen Einmischer und eine nicht-öffentliche, direkte Ansprache, um sich der Solidarität der neuen Mitstreiter zu versichern. Ich habe dies bereits vor meiner Zeit im Vorstand erlebt und auch während meiner Zeit im Vorstand, wo selbst unter meinen Kollegen immer eine Person als vermeintlicher Spalter hofiert wurde. Besonders anfällig für solche Umwerbungen sind Personen, die sich von Aufmerksamkeit und Anerkennung geehrt fühlen und auch nicht verstehen, in welches Spiel sie sich dort reinziehen lassen. Diese Bestärkungen laufen immer im Hintergrund und arbeiten paradoxerweise mit einer vertrauensvollen Kommunikation, die man anderen verweigert.

Fazit

Es gibt tatsächlich eine asymetrische Kommunikation, die sich jedoch gegen die Neutralität der Institutionen richtet. Eine vertrauensvolle Auseinandersetzung braucht zwei Seiten. Der Glaube an die Kooperation ebenfalls. Aus all diesen Phänomenen der Zerstörung von Kommunikation lese ich eine realistische Haltung, die allein durch die Schwächung des Gegners die eigene Normverletzung vergessen machen möchte. Hierzu muss jedes Vertrauen in verantwortungsvolle Menschen in Ämtern und Funktionen zerstört werden. Wer dies in Kauf nimmt…beurteilt dies selbst.

Gibt es Empfehlungen für die Zukunft? Dass Einladungen zu einem Gespräch immer mit einer OM verbunden sind, finde ich nicht zielführend. Vielleicht sollte man Gesprächsangebote devot und säuselnd formulieren, um eine Klärung ohne Verfahren herbeizuführen, was selbst bei dem Verdacht flächendeckender Aggression zum Zuge kommen sollte. Auch könnte ich mir die Anwesenheit einer neutralen Person, zum Beispiel eines Mitglieds des Schiedsgerichts vorab, vorstellen, um das Vertrauen in einen Austausch zu erhöhen und mögliche Konfrontationen zu deeskalieren.

Ich wünsche mir zudem mehr Menschen mit Zivilcourage, die während des Geschehens eingreifen und mehr Menschen mit einem unabhängigen Denken, die sehen, was vor sich geht, auch wenn sie aufwändig bezirzt werden. In dieser Hinsicht sind wir auf einem guten Weg, denn es trauen sich wieder mehr, sich dem Aggressiven entgegen zu stellen, auch dass es im Vorstand Rückhalt bei Übergriffen gibt, hat einigen Personen neuen Mut gegeben.

Für alles andere halte ich es mit Sartre: Tout le monde doit subir les conséquences de ses actes – Jeder hat die Konsequenzen seiner Taten zu tragen. Ich werde diese nicht vergessen, nur weil jemand rumtrollt.

Nachtrag: Die Splittung der alten Aktive-Mailingliste in eine moderierte Infoliste und eine Diskussionsliste zeigt erste Erfolge. Die Diskussionsliste tendiert Richtung 50 Abonnenten weniger. Das zum empirischen Teil der zerstörten Kommunikation. Und all dies nur, weil jemand seine Fehler nicht eingestehen möchte. Etwas, was der Vorstand regelmäßig getan hat, aber für Realisten und Machtmenschen ist dies wohl nur eine Form von Schwäche.

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