Die Idee des Tausches

Der Handel war seit jeher ein Phänomen, das aus Ungleichheit hervorging. Die Dinge – ob nun Luxusgüter oder Sachen mit Nutzwert – wurden getauscht, da man sie selbst nicht herstellte oder nur in ungenügender Menge produzieren konnte. Das Ungleichgewicht der Dinge über die Regionen und Siedlungen hinweg führte hierbei zu Vorteilen auf beiden Seiten, wenn man sich an der Produktion über die Selbstversorgung hinaus beteiligte. Zumindest unsere Archäologen und Geschichtsschreiber erzählen uns gerne von der Blüte der Handelsstätten und dem prosperierenden Austausch von der Steinzeit über die Antike bis zur Neuzeit. Auch die Rohstoffe und Ressourcen werden hierbei eingegliedert in die Erzählung einer weltweiten Arbeitsteilung mit zivilisatorischem Mehrwert durch wachsenden Reichtum, teilweise eurozentrisch in der Theorie eines ‚Weltsystems‘ teilweise mit einer Verschiebung des Zentrums Richtung Asien.

Als einer dieser Vorteile des Austausches wird nur gelegentlich der Unterhalt von Heeren genannt oder der Abhängigkeiten zwischen dem vermeintlichem Zentrum und der Peripherie nachgegangen: In der Moderne und ihren Texten ist die Idee des Fortschritts fest verankert. In seiner schlimmsten Form als imperialistischer Export von angeblich weiter entwickelten Kulturnationen von England, Frankreich, Deutschland, Russland aus; in seiner schönsten Form in einem gleichberechtigten Dialog und dem Austausch von Wissen und Forschungen zu beiderseitigem Vorteil.

Das moderne Ideal einer Verbesserung der Welt für alle Menschen wird derzeit in Europa durch rechte und nationalistische Tendenzen offen angegriffen. Mit den weiter forcierten Freihandelsabkommen – trotz zurecht stockender Doha-Runde der WTO – , mit den unsolidarischen Tendenzen und offenen Rassismen gegenüber Südeuropa und den Ängsten gegenüber Flüchtlingen verdrängen wir weiter die effektiven Mechanismen, die man in der Politikwissenschaft unter dem Label ‚Dependenztheorie‘ bespricht. In der Kulturwissenschaft widmen sich zudem die ‚Post-Colonial Studies‘ der Emanzipation all der Menschen, denen wir in unseren Rückständigkeitstheorien die Schuld für ihre derzeitige Lage aufbürden. Warum trägt die Moderne mit ihrer mächtigen Fortschrittserzählung inzwischen wieder solch nationalistische und rassistische Scheuklappen?

Die Idee des Tausches ist inzwischen kontaminiert und von strategischen Akteuren zu einem Machtinstrument, Marktdurchsetzungsinstrument herabgewürdigt worden. Bis in die 70er Jahre hinein gab es zwar ein letztes Aufbäumen der Avantgarde, die das Konzept der Geschenkökonomie als Faszinosum für sich entdeckte und die Verausgabung indigener Kulturen im Potlatch etwas unkreativ und hilflos zum Hoffnungsschimmer hochlobte, der dem Kapitalismus entgegentreten könne. Doch die eiskalten 80er Jahre mit Thatcherism und Reaganomics töteten die letzte Hoffnung, dass wirtschaftliche Aktivität etwas mit gesamt-gesellschaftlichen Fortschritt zu tun habe. Auch international war es – mit Ausnahme von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion – eine Phase purer Konkurrenz und wachsendem Egoismus. In der zeitgenössischen Wissenschaft sah die Theorie des Neorealismus neben der militärischen Stärke nun zudem die wirtschaftliche Stärke als Machtfaktor und die Großmächte und solche Staaten, die sich dafür hielten, agierten dementsprechend, um international Einfluss zu gewinnen.

Die Entfesselung und Kontrolle des Handels verkam zu einem Instrument der Dependenz und konnte die Idee gegenseitiger Entwicklung nur noch mühsam aufrecht erhalten.

An diesem Punkt wird die vernetzte Wissensgesellschaft sehr gefährlich und ist für uns Piraten deshalb so wichtig und relevant. Denn sie bedeutet die Erosion eines Vorsprungs, einer Exklusivität. Sie befähigt Menschen in fernen Regionen, sich selbst und ihre Gesellschaft zu entwickeln. Sie ist das, was wir Piraten als Perspektive erkannt haben und weiter fördern wollen.

Das Urheberrecht, das Patentrecht und all die rechtlichen Risiken und technischen Hürden, die wir der Verbreitung von Wissen und Informationen in den Weg stellen, sind weiterhin westliche Machtpolitik, die Reproduktion der alten Abhängigkeiten. Sie wollen die Unterschiede, das Gefälle beibehalten, damit der Handel an sich ein wirksames Instrument der internationalen Dependenz zwischen „Zentrum“ und „Peripherie“ bleibt. Doch der Wert des Tausches kann über den einseitigen Profit hinaus gehen, sollte sich an der gemeinsamen Entwicklung und der damit gewonnenen internationalen Sicherheit und Stabilität orientieren. Besonders wir in Europa wollen keine Kriege mehr führen, sondern uns weiter vernetzen und zum gemeinsamen Vorteil austauschen. Ich als Pirat glaube hier weiter an die bedingungslose Verbreitung von Wissen, von Ideen und an gemeinsame, offene Informationen als Basis unseres Handelns und Vertrauens.

Und um mal konkret zu werden: Zur politischen Ursache der heutigen Misere gehört, dass wir den Fortschritt – zumindest in wissenschaftlicher Hinsicht – immer weiter privatisiert haben. Das Wehklagen von Pharma- und Technologiekonzernen, dass sie jahrzehntelang die Forschung und Entwicklung ihrer Produkte finanziert haben und eine freie Kopie ihnen die Planungssicherheit und den Anreiz für weitere Investitionen entzieht, mag durchaus berechtigt sein. Warum sich der Staat jedoch gerade bei der Produktion freien Wissens – besonders in Deutschland und in Amerika sowieso – zurückziehen sollte, weiß wohl nur die Bertelsmannstiftung, die der Privatisierung des Bildungssektors gelinde gesagt „offen“ gegenübersteht. Wir brauchen nun aber – um an die Idee des gemeinsamen Fortschritts auf dieser Welt wieder glauben zu können – eine Renaissance des freien Wissens, der staatlichen FuE über die Vereinbarung von Lissabon hinaus und eine Neuauflage der Entwicklungspolitik, die nicht weiter Dependenzen fördert, sondern Menschen Eigenständigkeit schenkt. Es geht darum, Grenzen zu überwinden und wir in Europa haben die Mittel und die Institutionen dazu, diese Kultur zu leben.

Und deshalb werde ich am 25. Mai 2014 Piraten wählen. Damit Europa zusammenwächst und sich und der Welt wieder eine Vision von gemeinsamen Fortschritt gibt.

Tut es mir nach. Alles andere hatten wir schon.

PS.: …and fight rising racism and nationalism everywhere! Geht wählen!

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