Blogschau: Unser Verhältnis zu Charlie Hebdo und zur Satire an sich.

Vor ein paar Tagen habe ich noch zur unterentwickelten Netz-Zivilgesellschaft lamentiert, heute will ich meinen eigenen Ansprüchen folgen und ein paar fremde Blogbeiträge hervorheben. Der erste Schock über die Anschläge, der auch mich zu einem kleinen impulsiven Beitrag verleitet hat, ist vorbei und das Netz zeigt, wie wichtig es in seiner Breite ist, in der nicht nur alte und neue Institutionen die Diskurse unserer Tage führen, sondern Privatpersonen mitdenken und uns Orientierung und Diskussionsstoff bieten. Ein paar Beiträge, die früh gegen den ersten Reflex des #JesuisCharlie formulierten, möchte ich erwähnen. Ich hatte schlicht Glück, auf sie zu stoßen und es gibt da draußen sicher noch mehr.

Julia relativiert, bzw. präzisiert ihre Teilnahme am globalen Internetmem #JesuisCharlie, indem sie auf die Verkürzung dieses Solidaritätsreflexes hinweist, den Stil von Charlie Hebdo zurückweist und für sich nicht den selben Mut beansprucht, den manche Publikationen mit provozierenden Karikaturen sehr offensichtlich haben. Sie kommt am Ende zu dem schönen Schluss:

Die Welt ist komplexer denn je. Und das ist ihre derzeit einzige Stärke.

Natalie kann sich mit den bisherigen Inhalten von Charlie Hebdo nicht wirklich identifizieren und ist deshalb nicht #JesuisCharlie. Für sie treibt auch die Satire Diskurse voran, die bei den behandelten Minderheiten über eine Selbstironie unserer Gesellschaft hinaus gehen. Sie schreibt zur Satire einen interessanten, diskussionswürdigen Satz:

Gleichbehandlung im Humor, in der Satire, funktioniert nur dann, wenn auch in der Realität Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung bestehen. Und das tun sie nicht.

Fabienne geht mit ihrem Beitrag in eine ähnliche, satirerelativierende Richtung und meint

Rassistische, sexistische, homophobe Beiträge der Zeitschrift bewegten sich an der Grenze, die in einer Demokratie zwischen Pressefreiheit und Hetze gezogen wird.

Trifft Satire häufig die Schwachen unserer Gesellschaft? oder bauen wir die Tabus selbst auf, die sie dann ihrer Logik folgend wieder brechen muss? Das mit der möglichen Hetze ist eine sehr aktuelle und relevante Frage, wenn sich Medien-Parallelgesellschaften wie beispielsweise Pegida und manch andere Verschwörungstheoretiker in ihren Echo Chambers hochschaukeln.

Stefan kritisiert hier zunächst andere. Er erkennt, wie nun deutsche Verleger das Attentat für eine Eigenwerbung nutzen. Für ihn kann Satire auch unpräzise und zudem instrumentalisierbar sein und er findet es infam, dass der Mord an den 12 Franzosen nun in das Selbstmitleid der – von Pegida als „Lügenpresse“ bezeichneten – deutschen Verlage getunkt wird. Deshalb fühlt er sich mahnend in die Logik der Marschierenden in Dresden ein, wenn er schreibt:

In dieser Sicht ist „Charlie Hebdo“ das Gegenteil von „Lügenpresse“; seine Mitarbeiter zahlten für ihren Mut, anders als die „Lügenpresse“ die Wahrheit zu sagen, mit dem Leben.

Für mich zeigt er damit auch, dass Empathie gegenüber Pegida und deren sehr extremen Positionen und deren Idee von Wahrheit sehr weh tun kann. Ich stimme Stefan aber zu, dass die Verlage sich hier haben mitreißen lassen und eher unklug agieren. Und ja: auch das kann Satire sein und es ist gar nicht schön.

Lesenswert finde ich weiterhin diesen Text von Philipp, der bezweifelt, dass #JesuisCharlie tatsächlich ein korrektes Bild unserer Gesellschaft wiedergibt. Denn ein paar krasse Jesus-Karrikaturen würden ein paar Wochen später wohl ebenfalls wieder zu großer Entrüstung hierzulande führen. Von totaler Toleranz kann gerade in diesen Zeiten in Europa nicht die Rede sein.

Ähnlich, aber mit etwas mehr Rant haben wir uns auf Netzrhetorik geäußert. Satire muss alles und jeden treffen, um gerecht zu sein, ist unser Credo. Sie ist nicht Teil unseres Staatswesens und wird doch in diesen Tagen derart propagiert. Eigentlich müsste sie wohl aus dem Untergrund heraus agieren. Sie hat nach den Attentaten viele falsche Freunde dazu gewonnen, für die sie sich schämen muss. Diese sollten ihr nächstes Zeil sein, so meine Meinung.

Das waren jetzt nur ein paar zufällige Fundstücke meinerseits. Vielleicht ergänze ich später noch weitere diskussionswürdige Texte. Gerne auch per Twitter oder Kommentar auf eure Haltungen und privaten Texte zum Thema hinweisen. Danke!

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