Über unseren Umgang mit „Frieden, Wahrheit, Lügenpresse“

Es ist Donnerstagabend und ich sitze mit einem alten Freund zusammen auf dessen Sofa. Unsere Abende sind meist zweigeteilt: Zunächst zocken wir etwas, tauschen uns aus, was gerade so ansteht im Leben und dann kommt es immer wieder zu einem Gespräch über Verschwörungstheorien, Montagsdemos und die Politik großer deutscher Medienhäuser.  Ich mache dann keinen Hehl daraus, dass es mich etwas nervt und ich als kritisch geschulter Mensch durchaus gefestigt bin in meiner eigenen Wahrnehmung (nicht in deren Ergebnis), die solche wirren Winde als Narrativ für das Denken nicht braucht. Es fallen dann die klassischen Reizwörter wie „Ken Jebsen“, „Xavier Naidoo“, er äußert Zweifel an der Souveränität Deutschlands gegenüber den USA und eine tiefsitzende Abneigung gegen alles, was von großen Medienplayern und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommt. Die zentralen Begriffe sind hier „die Wahrheit“ und beim Themenkomplex Montagsdemos „Frieden“. Ich bin damit quasi an der Front, habe aber den Vorteil, dass ich diesen herzensguten Menschen dort vor mir länger kenne und ich mit ihm nicht einer Meinung sein muss. Zudem höre ich zu und bin auch nicht auf den Mund gefallen, wenn es darum geht, Aspekten zu widersprechen, den Äußerungen mehr Präzision abzuverlangen, auf einer weitsichtigeren Ebene gewisse Diskurse oder Detailwut als Fallen zu erkennen, die eigentliche Kritik von den verbrannten Schlagwörtern zu trennen und aus meinem eigenen Hochschulbildungsschatz neue Perspektiven und Formulierungen für die Themenkomplexe herbeizuzitieren. Am Ende des Abends muss ich mir regelmäßig eingestehen, dass wir tatsächlich ein produktives Gespräch geführt haben. Überraschend.

Trotzdem muss ich hier mal einige Dinge klarstellen.

Ich halte die indirekte Forderung an „die Medien“, sie sollten etwas tun, für sehr absurd und auch sehr deutsch. Zwar haben sich einige Unternehmen die Behauptung selbst ans Bein gebunden, sie seien „die Vierte Gewalt“ im Staate, aber sie sind weiterhin Privatunternehmen und frei in dem, was sie tun. Diese deutsche Staatsgläubigkeit, die wohl seit Bismarcks Sozialreformen in unser Blut übergegangen ist, dass der Staat unsere Probleme zu lösen hat, diese jämmerliche Forderung nach oben, dass die Chefredaktuere der „Vierten Gewalt“ etwas ändern sollen, kotzt mich an. Tut selber etwas und fordert nicht, dass andere endlich „die Wahrheit“ verkünden. Was ist das bloß für eine Haltung?

Womit wir beim Thema „die Wahrheit“ wären. Ich habe Politikwissenschaft im Nebenfach studiert, zudem einen großen Strauß an kulturwissenschaftlichen und philosophischen Perspektiven kennengelernt und weiß, wie es um „die Wahrheit“ steht: Sie gibt es nicht. Ich kann verstehen, dass es in komplizierten Zeiten einen Wunsch nach Klarheit gibt, nach Verlässlichem; aber das bedeutet noch nicht, dass es das tatsächlich gibt. Auch hier muss ich feststellen, dass der Journalismus sich diesen Mythos der Wahrheit und Objektivität selbst ans Bein gebunden hat und damit leben muss, dass er die gerufenen Geister nicht mehr los wird.

Bitte geht niemals davon aus, dass die Nachrichten, die ihr lest, die Berichte, die ihr aus fernen Ländern bekommt, ohne Kontext entstanden wären. Wer auf diese Art Medien konsumiert, ist schlicht dumm. Wer hier beim Konsum der Tagesschau die eigene Gehirnwäsche befürchtet, ist wohl tatsächlich gefährdet. Ist das nicht eine traurige Selbstdiagnose?

And here is one for the media guys: Ukraine-Berichterstattung war Bockmist. Vielleicht wart ihr selbst etwas verwirrt und orientierungslos, aber dort habt ihr die Wirklichkeit voreilig in eine bestimmt Richtung getrieben und alle haben es gesehen. Dort wurde halt nicht berichtet, sondern offen Politik gemacht. Das war meiner Ansicht nach der Punkt, an dem in diesem Land etwas gekippt ist.

Womit wir beim Thema „Frieden“ wären. Ob dies nun der Wunsch der verstörten, paranoiden Montagsdemonstranten nach dem eigenen inneren Frieden ist, oder wie mit dem komischen „Friedenswinter“ ein Versuch, der anti-russischen Kriegstreiberei etwas entgegenzusetzen: Es herrscht ein Unwohlsein bei vielen Menschen in diesem Land, das inzwischen verrückte und z.T. sehr hässliche Blüten trägt, weil es sich nirgends repräsentiert fühlt. Das Bedrohungsgefühl wurde mit dem Bürgerkrieg auf dem europäischen Kontinent sehr konkret, die Ohnmacht gegenüber den diskurstreibenden Akteuren manifest, das Vertrauen in diese Demokratie sank weiter. Trotz der vielen Spinner und Verschwörungstheoretiker unter diesen Menschen, sollte man hier nicht die absurden Details ihrer Theorien in den Vordergrund zerren, sondern dies als allgemeine Gefühlslage tatsächlich ernst nehmen.

Dieser Aufruf richtet sich nicht mal an die bürgerlichen Medien, sondern eher an die Gesellschaft als Ganzes, die völlig entpolitisiert vieles verdrängt, isoliert oder groß-diskursiv vernichtet sehen möchte. Wir machen es uns sehr leicht, wenn wir das Integrationsproblem dieser Gesellschaft nur auf Fremde mit Migrationsklischee beziehen, während bei uns aus vielen Gründen der Verzweiflung langsam aber sicher der Wahnsinn gärt. Das wollen wir zwar nicht sehen und die Artikulation dieser Menschen ist tatsächlich mehr als unbeholfen und sie vermeiden nur wenige Fettnäpfchen in ihrer Selbst- und Außendarstellung. Doch wir reden hier nicht von Menschen mit Abi, Studium, Volontariat und Theater-Abo, die zuhause eine Bücherwand mit Klassikern von der Antike bis zur Neuzeit pflegen. Wenn man von der Unterwanderung durch rechte Narrative und Gruppen einmal absieht, reden wir von sehr überforderten und besorgten Menschen, die das Gefühl haben, dieses Land sei festgefahren oder gar fremdgesteuert. Wenn man es mit schwarzem Humor nehmen will: Sie erschaffen uns zuliebe sogar Verschwörungstheorien, da sie einfach nicht annehmen wollen, dass die Verantwortlichen in diesem Land das alles freiwillig tun. Ist das nicht nett von denen?

Also: Bleibt in Kontakt mit euren Mitmenschen und seht hinter den komischen Geschichten weiterhin eine Person mit ehrlichen Sorgen und einer möglicherweise berechtigten Kritik. Überseht die Flut der Details und angeblichen Beweise für dies und das und forscht nach den Gründen für das jeweilige Unwohlsein eures Gegenübers. Zieht außerdem „der Wahrheit“ immer wieder die Zähne, indem ihr auf der Möglichkeit verschiedener Ansichten beharrt.

Nur weil wir es gewohnt waren, dass gewisse Teile der Bevölkerung keine mediale Plattform hatten, heißt das nicht, dass sie sich jetzt nicht vernetzen und äußern. Ich gehe weiterhin davon aus, dass die Vernetzung unser Vorteil gegenüber anderen Zeiten – wie z.B. den 1920er Jahren – ist, in denen die Moderne hart durschlug und die Orientierungslosigkeit und die soziale Not wuchs. Leider muss ich auch in unseren politischen und medialen Eliten den unreflektierten Wunsch konstatieren, sich als Schicht und Milieu abzukapseln und so der Konfrontation und Diskussion zu entgehen. Ich halte dies im Angesicht einer möglichen nationalistischen Instrumentalisierung für mehr als fahrlässig.

Und nein: Diese Diskussion wird nicht auf dem Niveau einer Professur für Political Corectness oder griechisch-römischer Rhetoren-Wettkämpfe erfolgen. Trotz all der technischen Möglichkeiten unserer Zeit sind wir wohl weiterhin auf der Suche nach einem Medium.

Ich könnte noch so viel mehr zu diesem Thema schreiben, mache nun aber mal einen Punkt. Ich hoffe, dass ich hier ein bisschen Orientierung und Nachdenkstoff bieten konnte…

 

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