Dinosaurier einer alten, hasserfüllten Art des Netzdiskurses

tl;dr: Unser Denken kann von Milieus geprägt sein. Dies gilt auch für Michael Seemann.

Unsere Urteile entstammen einer Perspektive. Zum Beispiel können die tägliche Arbeit und auch ein möglicherweise absolviertes Studium beeinflussen, wie wir die Welt analysieren und Ereignisse einordnen. Für mich liegt die Betonung hier auf ‚können‘. Denn es ist für mich eine der zentralen humanistischen und emanzipatorischen philosophischen Grundsätze, nicht von äußeren Merkmalen auf Menschen zu schließen und anhand dieser zu urteilen. Der Mensch darf selbst bestimmt sein und man muss ihm zu jedem Zeitpunkt eine Entwicklung zugestehen und deterministische Urteile vermeiden.

Herrn Seemann gelingt das nur bedingt. Er scheint mit sogenannten „Nerds“ gewisse Erfahrungen gemacht zu haben, die ihn nun das technische Spielkind mit dem Bade ausschütten lassen. In seinem Text zu dem Verschwörungsblogger Fefe schließt er von diesem auf dessen Publikum, überhöht einen Idealtyp zur Diagnose. Der Autor ist ihm offensichtlich unsympathisch, doch ihm geht es am Ende um den Nerd an sich, den er in seiner Philippika an den Pranger stellen will. Das Wort „Arschloch“ fällt, reaktionär sei jeder Computertechnikinteressierte, nahe am Gottkomplex, disqualifiziere sich deshalb für das Politische.

Da muss man erst mal schlucken. Zunächst überrascht die absurde Hybris Seemanns, die Vehemenz gegenüber einer Berufsgruppenschablone, der er daraufhin schablonenhaftes Denken vorwirft. Das tut beim Lesen richtig weh, wenn man auch nur etwas intellektuelle Distanz bewahrt hat. Dass seine konkreten Beispiele für den Stil des Bloggers Fefe dann ausgerechnet Emanzipation und die öffentliche Verurteilung eines Entwicklers behandeln, lässt mich ernsthaft am logischen und rhetorischen Verstand von Herrn Seemann zweifeln. Neben dieser Selbstüberschätzung als besserer Mensch und neben dem Hass auf eine Berufsgruppe ist es zudem das Bildungsniveau von Seemann, das mich eher irritiert. Hier legt jemand tatsächlich nahe, dass der Konsum eines Mediums einem Reiz-Reaktions-Schema folgt, dass der Rezipient Meinungen und Haltungen 1 zu 1 übernimmt und ignoriert die komplette universitäre Forschung und Theoriebildung im Bereich der Cultural Studies zu diesem Thema, die sich mit seinem geborgten Begriff „Diskurs“ und der Medienwirkung als Aneignung bereits seit den 80ern auseinandersetzen. Seine Referenz zu diesem Aspekt ist irgendwer, der vor Ironie warnt. Das ist uninformiert und sehr recherchefaul für jemanden, der sich für intellektuell hält, aber nicht mal die universitären Diskurse kennt.

Ich muss für Herrn Seemann also wohlwollend vermuten, dass er ebenfalls von einem gewissen Milieu geprägt ist und dadurch an Urteilskraft und besonders an Selbstreflektion einbüßt. Aber nicht nur der Inhalt, ebenfalls der rhetorische Stil seines Textes lässt ein gewisses Ursprungsmilieu vermuten. All dieser Hass in seinen Worten, die Produktion eines pauschalen Feindbildes, der Wunsch nach öffentlicher Vernichtung von Diskursteilnehmern, diese Selbstermächtigung, eine ganze Menschengruppe grob und pauschal zu verurteilen und deterministisch herabzuwürdigen, zu verdinglichen: All dies erinnert an die schlimmsten Zeiten bei den Piraten, als der selbstgerechte Hass und die Hexenjagden innerhalb und außerhalb die Partei zerlegten. Dass Seemann hier nun eine Generalabrechnung mit irgendwie politisch interessierten Technikbegeisterten betreibt, ist kein Zufall und lässt erahnen, wie tief er in die damaligen Auseinandersetzungen verstrickt war und wie viel Trauma und Frust er nun in seinem Text verarbeiten muss. Auch wenn er andere gerne – dies in manchen Fällen völlig zu recht – „reaktionär“ nennt: Er selbst ist ein Dinosaurier dieser alten, hasserfüllten Art des Netzdiskurses, dieses vernichtenden Stils.

Wäre da nicht seine Hybris und der ekelig undifferenzierte Applaus von anderen Vernichtungsbegeisterten, so könnte man dies wohlwollend als erste Therapiesitzung eines augenscheinlich Traumatisierten abtun. Doch Herr Seemann beansprucht Diskursmacht auf Kosten vieler, auch sehr guter Menschen, will sie ganz pauschal in eine Ecke drängen. Das ist unverantwortlich.

Bitte denk über die Genese Deiner Vorurteile nach, Seemann, über den urzeitlichen Hassstil Deines Milieus und bleib einfach bei den konkreten, durchaus reaktionären Beispielen von Fefe. Und such Dir bitte eine bessere Philosophie, eine die den Hass gegen ganze Gruppen nicht mehr braucht.

PS.: Ich bemerke inzwischen Tweets, die sich nur noch vordergründig auf Fefe und eher allgemein auf „männlich-weiße Netzaktivisten“ beziehen. Dies hat Seemann – ähnlich der zynischen Brandstiftung von Fefe – in Kauf genommen. Man sollte trotzdem nicht von dem Dinosaurier auf andere progressiv denkende Menschen oder Feministen an sich schließen. Hierzu gerne noch mal den ersten Absatz lesen.

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