Paranoia und Internet: Nicht jeder Hater ist bei bester Gesundheit

tl;dr: Auch im Netz gibt es psychisch kranke Menschen. Bisher haben wir noch keinen Umgang mit dieser Tatsache gefunden, außer dass wir uns über Hass und Trolle beschweren oder ihre Aggressionen als politisch rechtfertigen.

Es hat wieder jemand über Hass im Internetz nachgedacht. Auf Nerdcore widmet sich René Walter rückblickend dem sog. „Gamergate“, in dessen Zuge eine gerne abfällig agierende Gamer-Szene auf feministische Analysen von Computerspielen prallte und die kritischen Ansätze als Angriff auf ihre Subkultur wertete. Walter beschreibt in seinem Text das Internet und seine Foren als etwas kulturell Gewachsenes und konstatiert eine „Outrage-Bias“ unseres gemeinsamen Kommunikationsraumes. Er zieht hierfür einige Studien und Publikationen aus der Wissenschaft zu Rate, die sich emotionalen Dynamiken widmen. Eine tatsächliche „Sozial-Psychologie des Internets“ gäbe es laut Walter bisher jedoch nicht.

Letzteres kann ich nicht beurteilen. Doch zu psychologischen Aspekten will ich mich als Laie trotzdem kurz äußern. Denn welchen Aspekt wir imho nicht mehr vernachlässigen dürfen, ist die fortschreitende Verschmelzung von Mensch und Äußerungstechnik. Andere würden dies wohl irgendwie „Cyborg“ nennen, doch mir geht es nicht um Arm-Prothesen, sondern explizit um die mentale Dimension.

Soziale Medien als Raum für psychische Erkrankungen

Es ist ein Phänomen mancher psychischer Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen, dass die Betroffenen nicht mehr zwischen Innen und Außen trennen können. Ein äußeres Ereignis trifft einen unmittelbar, tief und persönlich, eine innere Regung wird zur äußeren Realität überhöht. Die Abgrenzung funktioniert nicht mehr und es kommt zu paranoiden Zuständen und Wahnvorstellungen, manchmal sogar zu Stimmen, die man hört. Plattformen wie Twitter fördern meiner Einschätzung nach diese unabgegrenzten Zustände: Sie bieten weit entfernte Ereignisse, die man auf seiner heimischen Couch höchst persönlich nimmt und sie wollen, dass wir alle unsere Emotionen ungefiltert äußern, obwohl wir uns in einem öffentlichen Raum bewegen, der nicht mit unserem Inneren Identisch ist.

Ich halte Soziale Medien inzwischen für einen Verstärker bei gewissen psychischen Veranlagungen. Der Kampf um die eigene Identität und um das letzte Wort zeigen mir, wie labil und offensichtlich traumatisiert viele der dort verbliebenen Akteure sind – ganz ohne Überraschung besonders in den identitätsgefährdenden Gender-Debatten. Der Raum der Vielfalt ist nunmal ein schwieriges Terrain, um ungestört Inneres und Äußeres in Einklang zu bringen: Er ist keine Soteria oder gar ein Safe Space und eine solche Forderung wäre auch völlig weltfremd. Der öffentliche Raum ist keine Klinik für Traumata und Persönlichkeitsstörungen und doch findet dort der oder die Verrückteste Anklang und sinnvolle Kriege um die eigene Wahrheit.

Soziale Medien sind ein Katlysator für gewisse mentale Veranlagungen, da gelassene und vermittelnde Menschen immer seltener Teil der Auseinandersetzungen sind. Außer ein paar unverbesserlichen Idealisten und Menschen mit gelegentlich selbstzerstörerischem Helfer-Syndrom verlassen meiner Einschätzung nach viele in sich Ruhende solche Orte wie Twitter oder meiden sie von vornherein. Sie haben von den aufgewühlten Gefühlswelten mit ihrer pseudo-politischen Agitation gegenüber allen greif- und verletzbaren Mitmenschen längst genug. Psychische Erkrankungen oder z.B. narzisstische Persönlichkeitsstörungen kann man selbst im Reallife nur schwer ansprechen und ich mache den Zurückgezogenen hier keinen Vorwurf, dass sie nicht die Therapeuten spielen wollen.

Doch ohne die Ausgeglichenen spielen sich die Gestörten In den Foren und Sozialen Netzwerken die Bälle zu, bis nur noch brauchbare Extreme bleiben, die – wie oben als Symptom beschrieben – endlich die eigene Paranoia zur Realität erklären. So sind alle nur noch entweder Nazis oder steinewerfende Antifa, entweder frauenfeindliche Maskulisten oder Feministen, Verschwörungstheoretiker oder Bilderberger, Lügenpresse oder Putinversteher, usw. usf. Hierbei werden die eigenen Äußerungen längst nicht mehr bedacht, sondern wandern genauso emotional und verletzend hinaus in die Welt, wie es einen damals persönlich beleidigt hat, dass beim Hebammenstreik nicht über eine Männerquote diskutiert wurde. Manchen scheint die Impulskontrolle völlig abhandengekommen zu sein, obwohl sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. Im Normallfall wird sowas therapiert, auf Twitter werten wir es als eine Art Chuzpe oder als revolutionären Verve.

Die virtuelle Gruppentherapie wird scheitern

Ich weiß nicht wie, aber ich wünsche mir, dass wir das Ding mit den Persönlichkeitsstörungen und psychischen Erkrankungen enttabuisieren. Vielleicht müssen sich auch die gefassteren Teilnehmer einer Debatte gelegentlich klar machen, dass ihre spielerischen Kränkungen und Provokationen dort draußen nicht immer auf gefestigte Subjekte treffen. Wer sich diese Wirkung wünscht, hat meiner Meinung nach sowieso ein ernsthaftes Aggressionsproblem. Selbstverständlich muss man als Mensch den Frust auch mal rauslassen; doch warum dies im öffentlichen Raum und als Angriff auf Mitmenschen geschehen muss, ist mir nicht ganz klar.

Den wirklich Kranken wird auch mit etwas Rücksicht nicht geholfen sein. Wer wirklich Dauerhass und aggressive Eruptionen in sich trägt und dafür stetig neue Opfer sucht, wer narzisstisch nicht fähig ist, anderen Menschen, ihrer Welt und ihren Perspektiven eine Bedeutung beizumessen, wer übersensibel jedes (vorhandene oder fehlende) Sternchen in fremden Texten auf sich bezieht und als Kränkung der eigenen Identität aufnimmt, der braucht irgendwann professionelle Hilfe. Es tut mir leid, dies so offen sagen zu müssen.

Und wir müssen irgendwie einen Weg finden, solche Störungen nicht mehr unter dem Deckmantel des Politischen auszublenden. Ich weiß nicht, wie wir dies erreichen können, aber als Laien-Gemeinschaft können wir diese Fälle nicht schultern und wir können uns ihre zerstörerische Wirkung auf Dauer auch nicht leisten. Ich habe schon zu viel politische Arbeit unter der Paranoia einzelner leiden sehen und in zu viele traumatisierte Augen geblickt, die dem Politischen deshalb völlig verstört den Rücken zugewandt haben. Der öffentliche und besonders der virtuelle öffentliche Raum kann die Funktion einer professionellen Therapie niemals erfüllen: Dieser Hoffnung auf eine Art Selbsthilfegruppe der ‚Anonymen Gestörten‘ müssen wir uns endlich entledigen.

Dies als kleine Ergänzung zu dem oben verlinkten Text, der zwar etwas unstrukturiert und sprunghaft daher kommt, aber trotzdem sehr gefasst über die Ursprünge der Gamer- und Kommentarkultur im Netz nachdenkt. Auch im Netz gibt es – wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen – psychisch kranke Menschen, aber bisher haben wir noch keinen Umgang mit dieser Tatsache gefunden, außer dass wir uns über Hass und Trolle beschweren. Ich finde dies bedauerlich unterkomplex.

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